Der Schneeblumengedenkweg – eine Nachbetrachtung

Gedanken zum Weg der “Schneeblumen”
Ein Text von Susanne Bart-Söllner
(Sängerin im Elternchor des Freien Gymnasiums Borsdorf)
Die Einwohner der Gemeinde Borsdorf waren am Abend des 14. April 2026 vom Verein „Leipziger Notenspur e.V.“ aufgerufen worden, den Weg, den rund 1550 ungarische und französische Zwangsarbeiterinnen des KZs Buchenwald Außenlager Markkleeberg kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges Richtung Theresienstadt gehen mussten, ein winziges Stück nachzugehen. Die traditionelle Gestaltung des Weges, den es bereits an anderen Orten gibt, übernahmen hierbei das Freie Gymnasium Borsdorf, die Kirchgemeinde Parthenaue-Borsdorf und die Gemeindebibliothek Borsdorf. Ausführende waren Schüler*Innen des FGB, Konfirmand*Innen, Pfarrerin und Bibliothekarin, Eltern, Lehrer*Innen, der Schüler*Innen- und der Elternchor des Gymnasiums – ein wunderbares Gemeinschaftsprojekt zum Andenken an die Frauen.
Gemeinsam starteten wir mit einführenden Worten von Herrn Prof. Dr. Werner Schneider (Leiter der Leipziger Notenspur-Initiative und Vorstandsvorsitzender des Vereins „Notenspur Leipzig e.V.“), Texten aus dem Buch „Schneeblumen“ von Dr. Zahava Szász Stessel und jüdischen Liedern an der Kirche Althen.
Der Veranstalter hatte von allen Frauen Namenskärtchen drucken lassen. Jeder, der sich auf den Gedenkweg begab, konnte ein solches Kärtchen mit sich tragen. Dies war sehr berührend, weil man plötzlich sehr persönlichen Kontakt zu einer der Frauen bekam. Für mich war es doppelt emotional, weil auf einer der Karten ausgerechnet ein Name stand, der auch mein Geburtsname ist.
An verschiedenen mobilen Stationen am Gedenkweg spielten Musiker*Innen, bestehend aus Eltern, Schülern und Schülerinnen sowie Lehrerinnen, originale Musikstücke, welche die Frauen damals zum Kraftschöpfen im Lager und auf dem Weg gesungen haben. Außerdem wurden die Namen der Frauen, die von den Nationalsozialisten dem Vergessen preisgegeben werden sollten, von Schülerinnen und Müttern an verschiedenen Stationen des Gedenkweges verlesen.
Unter uns Gehenden wurden leise Gespräche geführt, wir hielten uns vor Augen, wie schrecklich Menschen mit anderen Menschen umgehen, was ein Mensch einem anderen antun kann. Je näher wir der nächsten Station, der Kirche Borsdorf, kamen, um so stiller wurden wir. Langsam legte sich die Dämmerung über unseren Zug, der mit der Zeit wuchs.
An der Kirche Borsdorf hörten wir weitere Namen und Textausschnitte aus dem Buch „Schneeblumen“ sowie von einer Lehrerin, zwei Müttern und einem Schüler wunderbar vorgetragene Musik, darunter ein Wiegenlied aus der Kinderoper „Brundibar“, die im Konzentrationslager Theresienstadt entstand. Vor dem Weitergehen erhielten wir weiße Rosen und Kerzen, die unseren Weg in ein feierliches Licht tauchten. Auf den letzten Metern bis zur finalen Station, dem Freien Gymnasium, stimmten alle Mädchen und Frauen eine israelische Melodie an. Ganz leise begann sie, mitten im Zug, wurde immer stärker, bis sie den Innenhof des Gymnasiums erfüllte. Nicht nur mir brach immer wieder die Stimme, die Emotionen waren unerwartet stark. Uns gingen die Gedanken durch den Kopf, was die Frauen damals erleiden mussten, ausgehungert, ohne ordentliches Schuhwerk und passende Kleidung, im Dunkeln durch Schnee und Regen getrieben, ein Weg ins Ungewisse …
Was mich außerdem erschreckte: bis zur Information, dass wir aufgerufen waren, diesen Gedenkweg mitzugehen, haben viele nicht gewusst, was damals in unserer beschaulichen Gemeinde passierte, dass der Zug auch durch Borsdorf getrieben wurde… Ich habe auf dem Weg von Althen nach Borsdorf von Dr. Papenhagen (Projektkoordinator Jüdische Notenspur) erfahren, dass auch die jüngere Schwester von Dior (Catherine Dior, eine französische Widerstandskämpferin) im Zug dabei war. Sie hat überlebt. Ihr zu Ehren wurde das Parfüm „Miss Dior“ kreiert. Was aus meiner Frau auf der Karte wurde, weiß ich leider nicht, hoffe aber, dass sie nach ihrer Befreiung ein würdiges Leben führen konnte.
Den Schulhof tauchten Lichterketten und Kerzen in ein ganz besonderes Licht. Wir legten die Kerzen, Steine, Blumen und Namenskärtchen nieder. Außerdem konnte jeder, der wollte, eigene Gedanken auf Kärtchen notieren, die den Gedenkort ganz besonders machen. Dieser Gedenkort wird bis zum Schulfest am 1. Juli 2026 bestehen bleiben. Mit weiteren Liedern, die der Schüler*Innenchor und der Elternchor des FGB sangen, wurde der Abend des Gedenkens beendet.
Wir Sängerinnen des Elternchores hätten nicht gedacht, dass uns der Gedenkweg so beeindrucken würde, wir haben tatsächlich alle nicht geahnt, was unsere Teilnahme mit uns macht, welche Emotionen es in uns auslöste, die nachhaltig wirken. Wir haben aber auch festgestellt, dass Musik unglaublich viel Kraft gibt. Wir alle fühlten uns miteinander noch enger verbunden, auch den Frauen von damals, die wir definitiv nicht mehr vergessen werden. Auch Schüler*Innen und Gäste äußerten sich im Nachgang sehr nachdenklich: „Dass es so nah ist …“ oder „Ich bekomme den Abend gar nicht mehr aus dem Kopf!“.
Unser Wunsch nach Frieden und die Hoffnung auf den Sieg der Menschlichkeit über Hass, Tyrannei und den Irrsinn, ein Leben mehr wertzuschätzen, als ein anderes, hat sich in unseren Herzen noch tiefer verankert. Wir alle sind unglaublich froh, gegen das Vergessen mitgegangen und gesungen zu haben und dankbar, wie viele sich uns anschlossen.
Wir danken dem Verein „Leipziger Notenspur e.V.“, der sich regelmäßig gegen das Vergessen einsetzt, sowie allen Teilnehmenden, den Ordner*Innen, Organisator*Innen, der Polizei, die unseren Weg sicherte, unserem Gymnasium, der Technik AG, der Gemeinde und der Kirchgemeinde.
Bei der Probenarbeit wurden wir am, 31.3.2026 von Maja Anter (Radio MDR Kultur) besucht. Der Beitrag kann hier gehört werden:
Auf unserem Weg wurden wir mit der Kamera von Theodor Söllner begleitet. Der Film kann hier angeschaut werden:
Susanne Bart-Söllner
Förderer des „Schneeblumen-Gedenkweges“ 2026:









